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Der richtige Zeitpunkt für Magento 2

Am 17. November 2015 wurde Magento 2 als finale Version veröffentlicht. Nach mehr als 4 Jahren Entwicklungszeit war das ein längst überfälliger Schritt, der von großen Teilen der Magento-Community sowie von vielen Händlern sehnsüchtig erwartet wurde. Ist also jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, die Umsetzung eines Magento-2-Shops zu beginnen? Oder der richtige Zeitpunkt, einen bestehenden Magento-1-Shop auf Magento 2 zu aktualisieren?

Hinweis

Dieser Beitrag geht davon aus, dass es wünschenswert ist, früher oder später Magento 2 statt Magento 1 einzusetzen. Selbstverständlich ist dies nicht, auch wenn es vielfach so dargestellt wird. So wird es auch in den nächsten Jahren noch Vorteile von Magento 1 gegenüber Magento 2 geben:

  • Die Stabilität des Systems, das über sieben Jahre Zeit zum Reifen hatte
  • Die Verfügbarkeit von guten und günstigen Modulen für alle Einsatzzwecke
  • Magento 1 wird noch zumindest bis Ende 2018 von Magento unterstützt, was Sicherheit und Komptibilität z.B. zu PHP 7 angeht. Wir gehen davon aus, dass das System auch im Anschluss daran noch, von wem auch immer, betreut werden wird.
  • Die höhere Verfügbarkeit erfahrener Magento-1-Entwickler

Der aktuelle Stand von Magento 2

Wir konnten uns selbst sowohl persönlich als auch in Gesprächen mit Entwicklern, die bereits mit der Umsetzung von Magento-Projekten begonnen haben, vom aktuellen Zustand von Magento 2 überzeugen. So waren wir unter anderem beim exklusivem Magento-2-Stammtisch am 18.11.2015 in Mainz anwesend, wo Gastgeber und Magento-Gold-Partner netz98 von den Erfahrungen mit dem bereits umgesetzten Magento-2-Projekt für SEAT berichtet hat. Unser aktueller Eindruck in Stichpunkten:

  • Die neue technische Plattform hinter Magento 2 ist eine Freude für erfahrene Entwickler. Die verwendeten Technologien wie Dependency Injection, Service Contracts oder Interception ermöglichen eine hochwertigere und mittelfristig schnellere und stabilere Entwicklung.
  • Auch im Frontend setzt Magento 2 Maßstäbe – hier werden moderne Entwicklungsmethoden und ein technisch hochwertiges Basis-Theme bereit gestellt, die eine professionelle Theme-Umsetzung ermöglichen.
  • Dadurch steigt allerdings die Komplexität in der Entwicklung und im Betrieb deutlich an – vor allem Neueinsteiger werden sich mit den vielen neuen Technologien schwertun, was zumindest anfangs zu deutlich erhöhten Umsetzungszeiten führen wird. Eine große Herausforderung für Entwickler besteht darin, die Mechanismen zur automatischen Code-Generierung zu verstehen und zu beherrschen.
  • Die Magento Version 2.0.0 benötigt sicherlich noch etwas Reife und Pflege, um als “stabil” gelten zu dürfen. Viele Mechanismen wirken noch nicht vollständig ausgereift.
  • Auch viele Magento-Entwickler und -Agenturen haben sich noch nicht oder nur wenig mit Magento 2 beschäftigt – häufig aus gutem Grund: Bis kurz vor dem Release haben sich noch regelmäßig viele Details und ganze Konzepte geändert. Das führte dazu, dass bei frühzeitig begonnenen Projekten oder Modulen der Code häufig bei jedem neuen Beta-Release kräftig angepasst werden musste.
  • Es gibt bereits einige Module für Magento 2 (siehe der entsprechende Bereich im Magento Marketplace). Mit MageSetup für Magento 2 existiert auch bereits ein Modul, das für deutsche Online-Shops in rechtlicher Hinsicht quasi unverzichtbar ist. Die Gesamtzahl ist im Moment aber noch sehr überschaubar und in keiner Weise mit den mehreren Tausend Modulen für Magento 1 vergleichbar. Aus Sicht eines deutschsprachigen Shopbetreibers fehlen z.B. Module quasi aller Zahlungsdienstleister, um z.B. die Zahlung per Kreditkarte zu ermöglichen. Die einzige Ausnahme bildet hier PayPal.
  • Gegenüber Magento 1 kann Magento 2 beim richtigen Einsatz der Cache-Funktionalitäten vor allem mit verbesserten Ladezeiten punkten.

Update von Magento 1 auf Magento 2

Ein Umstieg von Magento 1 auf Magento 2 ist eigentlich kein Update, sondern eine Neuumsetzung, da kaum Module oder andere Entwicklungen übernommen werden können. Lediglich die Datenbank mit z.B. Produkt- und Kundendaten wird man übernehmen können. Es gibt zwar Tools zur Portierung von Modulen für die Magento 1 Version auf Magento 2, jedoch sind diese nur für einen Bruchteil der Module erfolgreich anwendbar. Einen offiziellen Leitfaden für ein empfehlenswertes Vorgehen als Orientierungshilfe für ein Update gibt es noch nicht.

Aus unserer Sicht macht ein Umstieg auf Magento 2 zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen Sinn, da sowohl die Stabilität des Basissystems als auch die Verfügbarkeit von Modulen noch sehr zu wünschen übrig lassen. Wir empfehlen hier dringend, noch zumindest einige Monate zu warten. Wir gehen davon aus, dass die obigen Kritikpunkte relativ schnell kleiner werden.

Die Kosten für einen Umstieg werden im Laufe der nächsten Monate mit Sicherheit durch den wachsenden Erfahrungsschatz und die zusätzlich verfügbaren Module deutlich sinken.

Neuumsetzung eines Magento-2-Shops

Für den Fall, dass kein (brauchbarer) Online-Shop existiert, sieht unsere Einschätzung etwas anders aus. Hier muss man von Fall zu Fall entscheiden. Sofern der Shop sehr nah am Magento-Standard bleiben soll bzw. ein Großteil der Funktionalitäten (z.B. Schnittstellen) sowieso individuell umgesetzt werden muss, kann es sich lohnen, bereits jetzt über Magento 2 nachzudenken. Wichtig ist auch die Auswahl der Zahlungsanbieter: Wenn man Module von Zahlungsdienstleistern, z.B. für Kreditkarten- oder Lastschriftzahlung, benötigt, führt momentan noch kein Weg an Magento 1 vorbei. Wenn der Shopbetreiber etwas experimentierfreudig ist und den Fokus auf eine zukunftsfähige Lösung setzen möchte, spricht das wiederum für Magento 2.

Fazit

In fast jedem Fall würden wir momentan dazu raten, noch nicht auf Magento 2 zu setzen. Aus heutiger Sicht ist es empfehlenswert, zumindest das nächste bzw. die nächsten Magento-Updates abzuwarten. Auch werden in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich einige wichtige Module für Magento 2 herauskommen. Die Magento-Community beschäftigt sich momentan sehr aktiv mit Magento 2, hier sind in Kürze sicherlich viele Module, Blogartikel, Bücher und andere Resourcen zu erwarten, die die Umsetzung eines Magento-2-Shops deutlich einfacher machen werden.

Andreas von Studnitz

Autor: Andreas von Studnitz

Andreas von Studnitz ist Diplom-Informatiker, Magento-Entwickler und Geschäftsführer von integer_net. Seine Schwerpunkte sind Schnittstellenentwicklung, Backendentwicklung, Beratung und Entwicklerschulungen. Seit 2011 ist er Magento Certified Developer, seit 2014 Magento Certified Solution Specialist.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Susann sagt:

    Was hat sich da in dem letzten halben mittlerweile getan?

    Magento 2 hat ja schon einige kleinere Updates erfahren, und auch Zahldienstanbieter wie PayOne haben erste Module am Start.

    Macht es Sinn mit kleineren Shops schon mit Mag 2 zu starten?
    zB auch wenn gerade ein Relaunch ansteht?

    Fehlt einem bei Mag 2 Vieles, oder sind es nur Kleinigkeiten,
    die dann den Aufwand wett machen, dass man dann in einem halben Jahr wieder wechselt.

  2. @Susann:
    Danke für die Nachfrage.
    Kurz: es hat sich noch nicht viel geändert, u.a. da die Version 2.1 erst im Juni veröffentlicht werden wird. Module sind tatsächlich mehr geworden, über die Qualität kann ich nicht viel sagen.
    Lang: hierzu werde ich in Kürze einen Blogbeitrag veröffentlichen mit neueren Informationen, zunächst auf https://www.integer-net.com.
    Bei kleineren Shops ohne besondere Zusatzfunktionen kann es aber tatsächlich schon sinnvoll sein, mit Magento 2 zu starten, ich würde im Normalfall aber noch zum Abwarten, zumindest bis zur 2.1, tendieren. Der Einarbeitungsaufwand für Entwickler ist momentan noch recht hoch, hier soll es auch Besserung in Zukunft geben.

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