PWAs sind aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. In den Gesprächen, die ich mit Shop-Betreibern und E-Commerce Managern von Online-Shops führe, gibt es immer die große Frage: Wann kann ich denn endlich mein Frontend auswechseln? Und mit welcher Technologie?
In diesem Artikel werde ich Antworten auf diese Fragen geben, um zu klären, an welchem Punkt der „Frontend-Revolution“ wir gerade stehen und Tipps für den richtigen Zeitpunkt für den Wechsel zu geben.

PWA – Was steckt hinter dem Buzzword?

PWA steht für Progressive Web App. Es ist derzeit in aller Munde, einige Konferenzen widmen dem Thema schon ganze Tracks. 2018 kam PWA als wichtiges Thema auch in der Magento-Welt an.

PWA als neue Frontend-Technologie wird der Standard der Zukunft sein! Quelle

Hrvoje Jurisic, 16.02.2018

Lead Frontend Developer, Inchoo

Hinter PWAs steckt eine ausgefuchste Technologie, die es ermöglicht, dass sich eine normale Website (fast) wie eine native App verhält. „Mobile First“ ist hier also nicht nur eine Worthülse, sondern der Grundsatz, auf dem alles aufbaut.

Die Vorteile sind zahlreich:

  • Offline-Modus – Die Webseite kann auch benutzt werden, wenn mal keine Verbindung zum Internet besteht
  • Responsive – PWAs sind, wie eingangs erwähnt, für mobile Geräte gedacht, daher auf allen Geräten nutzbar
  • Security – PWAs nutzen per se sichere HTTPS-Verbindungen
  • Home Screen Feature – PWAs können, wie native Apps, auf dem Startbildschirm des Mobilgerätes abgelegt werden – sozusagen ein ganz besonderes Lesezeichen
  • Geschwindigkeit – PWAs sind sehr schnell

Ist PWA für Ihr Projekt nun eine gute Idee?

Die Punkte oben hören sich alle gut an, aber ist die Investition in einen kompletten Neubau des Frontends gerechtfertigt? Den Return on Investment eines solchen Vorhabens muss sicherlich für jedes Unternehmen individuell angefertigt werden. Doch selbst Johannes Müller, bekannter Webmaster Trends Analyst von Google, hat gesagt, dass PWAs grundsätzlich keinen Vorzug bei den Suchergebnissen genießen und dass das auch nicht geplant sei.

Warum sollte man also wechseln?

PWAs currently don’t have any advantage in Google Search (and as far as I know, there are no plans to change this).
Source John Mueller

Webmaster Trends Analyst, Google

Zu den Vorteilen könnte ein Advocatus Diaboli Folgendes entgegnen:

  • Offline-Modus – ist für Kunden, die im Zug unterwegs sind, praktisch, aber sonst…?
  • Responsive – sind viele Shops jetzt schon
  • Security – HTTPS kann man auch ohne PWA auf allen Seiten einsetzen
  • Home Screen Feature – Ok, das mag für manche Shops sinnvoll sein, aber dort, wo Kunden einen Customer Life Cycle haben, der kein ständiges Vorbeischauen rechtfertigt, ist es von geringem Interesse
  • Geschwindigkeit – schön und gut, aber einige Shops haben durch Varnish und andere Caching-Mechanismen ihre Seiten bereits optimiert.

Ist PWA also wirklich eine gute Idee?

JA, es ist eine gute Idee aus folgenden Gründen:

  • Der Geschwindigkeitsvorteil ist immens wichtig. Varnish ist eine Symptombehandlung. Das Tool leistet gute Arbeit, aber es erschwert oder verhindert sogar, dass eine Personalisierung des Shops stattfinden kann. Mit einer PWA ändert sich die Ausgangslage. Meiner Meinung nach wird die Kombination aus Personalisierung und schneller Website, die mit PWA möglich ist, eine neue Ebene des Shopping-Erlebnisses erreichen, was zugunsten des Kunden und damit auch zugunsten des Umsatzes beim Shop-Betreiber ist. Außerdem: Da Google die Schnelligkeit einer Seite mit in das Ranking einbezieht, ist eine PWA indirekt doch wichtig für das Ranking.
  • Ja, der Offline-Modus mag auf den ersten Blick nicht allzu verlockend sein, aber gerade in Deutschland gibt es noch genügend Regionen, in denen das Netz nicht in stabiler Qualität verfügbar ist.
  • Responsive, Security und das Home Screen Feature sind für viele Shops nicht die höchste Priorität, doch kann man diese Benefits durchaus kostengünstig mitnehmen, wenn sowieso ein Relaunch ansteht.
PWA ist das, was Responsive Design vor ca. 5 Jahren war – der kommende Standard und indirekt auch Umsatztreiber für Online-Shops.

Sind wir schon in der Zukunft?

Wem es jetzt in den Fingern juckt sofort loszulegen, dem rate ich an dieser Stelle einmal durchzuatmen und genau zu prüfen, was für den eigenen Online-Shop nötig ist. PWAs sind insofern nicht mit Responsive Design vergleichbar, als dass es sich tatsächlich um ein „eigenes“ Softwaresystem handelt. Zumindest wenn es um E-Commerce geht, wird u.a. eine Art „Datenbank“ benötigt, in der Daten zwischengespeichert werden.

Das gesamte Frontend eines Online-Shops mit vielen Artikeln auf PWA-Basis zu bauen ist sehr viel komplizierter als zum Beispiel für eine „normale“ Webseite mit wenigen dynamischen Inhalten. Dazu braucht man ein „richtiges“ System.

Die Basis für mein PWA-Frontend? Magento!

Sie wissen, dass Sie weiterhin Magento als „richtige“ Software hinter der PWA-Lösung einsetzen wollen? Das ist grundsätzlich eine gute Wahl. Denn Magento 2 ist technologisch im Vergleich zwischen vielen E-Commerce-Anbietern geradezu prädestiniert für den Einsatz einer PWA, da die API-Abdeckung (und damit die Schnittstelle zwischen Shop-Backend und PWA-Frontend) umfassender ist als bei der Konkurrenz.

Doch leider gibt es noch das Problem, dass aus unserer Sicht zum Zeitpunkt dieses Artikels kein PWA-Anbieter weit genug ist, um wirklich eingesetzt zu werden. Bei manchem Anbieter ist zum Beispiel der Checkout noch nicht vollständig in der PWA abgebildet. Bei anderen fehlen Features wie Filtersuche oder die Darstellung komplexer Artikel (Bündelartikel, Gruppenartikel, etc.).
Es gibt vielversprechende Möglichkeiten und wir eruieren diese alle gerade, aber zu 100% hat uns noch keiner überzeugt. Das kann morgen schon anders sein, aber aktuell ist es leider so. Sollte sich der Status ändern, werde ich entsprechend den Artikel aktualisieren. Ein weiterer Blogpost mit dem Vergleich der bestehenden Anbieter ist schon geplant.

Was tun? Abwarten und Augen offen halten!

Als Fazit lässt sich sagen, dass es sehr sinnvoll ist, ein PWA-Frontend für den Online-Shop zu nutzen. Wenn möglich, sollten Shop-Betreiber noch etwas warten, bis die praktische Umsetzung der Theorie gefolgt ist.

Hinweis: Dieser Artikel lebt.

Junge Technologien unterliegen der ständigen Weiterentwicklung. So soll es auch bei diesem Artikel sein. Er wird von mir von Zeit zu Zeit dem aktuellen Stand der Technik angepasst.

Christian Philipp

Autor: Christian Philipp

Christian Philipp ist Geschäftsführer und Projektleiter bei integer_net. Er hat an der RWTH Aachen Technische Redaktion studiert und im Anschluss vier Jahre in einer Internetagentur als Projektleiter, Entwickler und Schulungsdozent. Sein Fokus liegt auf dem Projektmanagement, Beratung und Konzeption.

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