Seit Magento 2.0 im November 2015 veröffentlicht wurde, stellt sich bei allen Magento-Projekten die Frage, welches System man denn nun nutzen solle: Magento 1 oder Magento 2? Oder ein ganz anderes System? Eine klare Antwort dazu gibt es nicht – die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab.

Dass kürzlich das (voraussichtlich endgültige) Ende des offiziellen Supports von Magento 1 für Juni 2020 angekündigt wurde, hat die Diskussionen in der Magento-Community noch einmal angeheizt. Dieser Blogpost ist ein Ansatz, die verschiedenen Standpunkte einzuordnen und eine Empfehlung zu geben.

Magento 1

Magento 1.0 wurde vor über zehn Jahren veröffentlicht und liegt aktuell in der Version 1.9.3 für Magento Community Edition bzw. in der Version 1.14.3 für Magento Enterprise vor. Nachdem die Entwicklung in den ersten Jahren rasant war, stagniert die Entwicklung des Produkts seit ca. 2013 größtenteils, aber auf hohem Niveau. Seinerzeit war Magento das erste System einer neuen Generation von Shopsystemen, das mit fortgeschrittener Architektur, vielen Funktionen und echter Updatefähigkeit auftrumpfen konnte. Quasi alle Funktionen des Systems sind anpassbar, ohne die Originaldateien überschreiben zu müssen. Es ist ein sehr stabiles, zuverlässiges System mit einem riesigen Angebot an freien und kostenpflichtigen Modulen und tausenden Entwicklern und Agenturen, die sich bestens mit dem System auskennen.

Der größte Nachteil ist eben die fehlende Weiterentwicklung und der auslaufende offizielle Support durch Magento.

Magento 2

Während Magento 2 zur Erstveröffentlichung 2015 unreif und fehlerbehaftet war, hat es sich spätestens seit der Version 2.2 (September 2017) zu einem deutlich stabileren System entwickelt. Für die gestiegene Stabilität ist unter anderem das von Magento organisierte Community-Engineering-Programm verantwortlich, mit dessen Hilfe tausende Bugfixes und Ergänzungen von externen Entwicklern und Agenturen ihren Weg in den Magento-Core gefunden haben.
Die großen Vorteile von Magento 2 sind die ausgereifte Software-Architektur, die u.a. mit Dependency Injection modernen Prinzipien folgt. Der Core-Code ist komplett mit automatisierten Tests versehen, und auch für eigene Erweiterungen ist es deutlich einfacher geworden, Tests zu schreiben (z.B. mit PhpUnit). Des Weiteren wird großer Wert auf umfangreiche Schnittstellen (v.a. REST-APIs) gelegt, um weitere Systeme anbinden zu können. Auch mit Magento 2 ist die Anpassung aller Funktionen möglich, ohne mitgelieferte Quelldateien überschreiben zu müssen.

Der schiere Umfang des Quellcodes und die darin enthaltene Komplexität erschweren den Einstieg in die Entwicklung. Obwohl die Qualität des Quellcodes im Core sehr stark schwankt, ist die Weiterentwicklung und Anpassung der Funktionalitäten von Magento 2 größtenteils gut und solide durchführbar, sofern man die Entwicklungsrichtlinien beachtet. Die gestiegenen Qualitätsanforderungen sorgen gegenüber Magento 1 jedoch für gestiegene Entwicklungszeiten.

Eine große Schwachstelle von Magento 2 ist das aktuelle Frontend-Framework, insbesondere die sogenannten UI Components, die auch durch erfahrene Entwickler nur mit sehr hohem Aufwand anpassbar sind. Hintergrundinformationen dazu finden sich in meinem Blogbeitrag PWA: Ein neues Frontend für Magento 2. Das neue Frontend-Framework ist aktuell in Entwicklung und noch nicht einsetzbar.

Zielgruppen

Magento 1 ist in der lizenzkostenfreien Community Edition vor allem für kleine und mittlere Onlineshops ausgelegt und auch mit einem niedrigen fünfstelligen Budget bereits sinnvoll einsetzbar. Bei großen Shops sind umfangreiche Anpassungen notwendig, da hier die Architektur an ihre Grenzen stößt, auch wenn die kostenpflichtige Enterprise Edition eingesetzt wird, die einige Optimierungen bereits mitbringt.

Interessant ist, dass die Kosten für den Betrieb eines Magento-1-Shops in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen sind. Maßgeblich dafür verantwortlich sind rechtlich notwendige Änderungen wie die Umsetzung der Button-Lösung und der DSGVO sowie das kurzfristige Einspielen aller verfügbaren Sicherheitspatches, die häufig auch die Anpassung von Modulen notwendig gemacht haben und dementsprechend Entwicklereinsatz notwendig gemacht haben.

Bei Magento 2 ist noch dazu eine deutliche Verschiebung der Zielgruppe nach oben zu beobachten – was mittlerweile auch offiziell bestätigt wurde:

“Magento is moving up-market”

Mark Lenhard, SVP @ Magento Inc., Meet Magento NL 2018

Der Kauf von Magento durch Adobe im Juni 2018 wird sicherlich dazu beitragen, dass diese Aufwärtsbewegung weitergeht.

Im Gegenzug sind die Voraussetzungen, um einen erfolgreichen Onlineshop mit Magento 2 zu betreiben, gestiegen. Dies betrifft vor allem die Anforderungen an Entwicklung und Betrieb des Shops. Das fängt bei den Hostingkosten an (für Magento 2 wird ein spezialisierter Magento-Hoster dringend empfohlen), geht über gestiegene Personalkosten für Entwickler (eine gewisse Erfahrung ist unbedingt notwendig, um sinnvoll mit Magento 2 entwicklen zu können – weshalb auch die Zertifizierung zum „Magento 2 Certified Professional Developer“ erst nach mindestens 1,5 Jahren intensiver Erfahrung mit Magento 2 empfohlen wird) bis hin zu höheren Kosten für Module.

Magento 2 ist nicht für jeden geeignet

Die Auswahl des Shopsystems betrifft nicht nur Händler, sondern auch Agenturen und Entwickler. Der Einsatz von Magento 2 ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll für:

  • Agenturen, die nicht mindestens einen Geschäftszweig auf Magento spezialisieren wollen
  • Kleine Agenturen mit weniger als drei auf Magento spezialisierten Entwicklern
  • Freelancer, die allein komplette Onlineshops umsetzen möchten
  • Kleinere Händler ohne eigenes Entwicklungsteam

Hintergrund dieser sicherlich etwas provokanten Aussagen ist, dass der Aufwand für Umsetzung und Betrieb eines professionellen Magento-2-Shops meiner Erfahrung nach häufig unterschätzt wird. Allein die gestiegene Anzahl an Technologien ist kaum von einer Einzelperson zu beherrschen. Ausnahmen zu den obigen Regeln sind bei einem guten Konzept natürlich immer möglich.

Technology Stack Magento 1

 

Technology Stack Magento 2

 

Auszug aus dem Vortrag „Erfahrungen eines Magento-1-Entwicklers mit Magento 2“ vom Magento-Stammtisch München (09.02.2017)

Dazu kommt, dass der Umfang des Framework-Codes in Magento 2 gegenüber Magento 1 deutlich angestiegen ist. Dies betrifft sowohl das Frontend als auch das Backend.

Aufgrund der hohen Komplexität von Magento 2 empfiehlt sich, bei der Shop-Umsetzung ein Team einzusetzen. Dabei sollten idealerweise die Themen Backend-Entwicklung, Frontend-Entwicklung, Infrastruktur/DevOps, Projektmanagement, Usability und Markting besetzt sein. Wenn die Voraussetzungen stimmen, kann man mit Magento 2 einen schlagkräftigen, performanten, langfristig stabilen und gleichzeitig anpassungsfähigen Shop umsetzen.

Auf der anderen Seite empfehle ich Agenturen, die einen Schwerpunkt auf E-Commerce setzen und gute Entwickler haben, die sich gern weiterentwickeln, mittelfristig den Umstieg auf Magento 2.

Folgen des auslaufenden Supports

Nachdem das Supportende für Magento 1 ursprünglich für Ende 2018 angekündigt war, wurde dieses Datum Mitte 2017 aufgehoben. Mitte 2018 wurde ein neues Datum für das Ende des Supports angekündigt: Juni 2020.

Zu diesem Zeitpunkt werden voraussichtlich zwei Effekte in Kraft treten:

Es wird keine Security-Patches mehr für Magento 1 (Enterprise und Community Edition) geben.

Dies beeinflusst auf Dauer natürlich die Sicherheit der Shops. Auch wenn dies zunächst kein akutes Problem sein wird, wenn man alle verfügbaren Sicherheits-Patches einspielt, kann man das Problem nicht langfristig ignorieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass von einer anderen Partei ab Juni 2020 ein (möglicherweise kostenpflichtiger) Sicherheits-Support angeboten werden wird, ist hoch, da mehrere Tausend Onlineshops vor diesem Problem stehen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es jedoch noch keine konkreten Unternehmungen in diesem Bereich – sich auf die Community zu verlassen, birgt ein gewisses Risiko.

Compliance mit wichtigen Sicherheitsstandards (z.B. PCI-DSS) wird nicht mehr gegeben sein.

Dies ist vor allem für große Händler relevant, deren interne Sicherheitsregelungen den Einsatz von entsprechend zertifizierter Software vorschreiben. Diese Händler werden dementsprechend zwangsweise von Magento 1 auf ein anderes System umsteigen müssen.
Werden Zahlungsdaten vom Onlineshop direkt verarbeitet, wird von den Kreditkartenunternehmen üblicherweise die Konformität zu den PCI-DSS-Regeln verlangt. Auch in diesem Fall ist ein Umstieg unausweichlich.

Aktuell kommen auf jeden Magento-2-Shop noch ca. 5-6 Magento-1-Shops. Wenn 2020 der offizielle Support ausläuft, wird ein Großteil der jetzigen Magento-1-Shops noch aktiv sein.

Bestehender Magento-1-Shop – was tun?

Nur für einen größeren Shop macht ein Umstieg auf Magento 2 meiner Meinung nach Sinn. Dieser sollte mindestens einen siebenstelligen Umsatz aufweisen. Auch sollte man sich bewusst sein, dass es sich nicht um ein Update handelt, sondern dass der größte Teil des Shops neu implementiert werden muss. Auf der anderen Seite bietet dies auch die Chance, alte Zöpfe abzuschneiden und mit einem überarbeiteten Konzept und einem moderneren System die Möglichkeiten des E-Commerce besser zu nutzen.

Sollten diese Voraussetzung und ein ausreichendes Budget vorhanden sein, dürfte jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sein, den Umstieg auf Magento 2 in Angriff zu nehmen, um damit für die nächsten 5-10 Jahre konkurrenz- und zukunftsfähig zu werden.

Auf der anderen Seite gibt es folgende Alternativen, wenn man keinen Umstieg auf Magento 2 vornehmen kann oder möchte:

  • Weiteres Abwarten – bis Mitte 2020 bleibt auch ein Magento-1-Shop gut geschützt.
  • Einsatz des Community-Forks Magento LTS, der Magento 1 behutsam weiterentwickelt, die Unterstützung aktuellerer Software-Versionen vorantreibt und gleichzeitig sehr auf Abwärtskompatibilität achtet.
  • Umstieg auf ein anderes Shopsystem wie Shopware, Spryker oder Sylius, die jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile haben.
  • Umstieg auf ein SaaS-System wie Shopify oder plentymarkets. Hier ist meist die Flexibilität etwas eingeschränkt, dafür muss man sich um Themen wie Hosting und Performance üblicherweise keine Sorgen machen.

Gamechanger PWA

Ein Grund, warum sich das Warten vor dem Umstieg auf Magento 2 aktuell noch lohnen könnte: Die neue Frontend-Technologie PWA steht in den Startlöchern. Wenn man sowieso auf ein neues System umsteigt, sollte man direkt auf ein modernes Frontend setzen, da es deutliche Vorteile wie bessere Performance und Usability bietet.
Die Voraussetzungen hierfür sind ähnlich wie für den Umstieg auf Magento 2: Ausreichend Budget und Entwickler, die gewillt sind, sich in neue Technologien einzuarbeiten. Eine Out-of-the-Box-Lösung wird es für PWA voraussichtlich auf absehbare Zeit nicht geben. Auch wenn die Firmen, die hinter den PWA-Lösungen stehen, viel Fokus auf die nahtlose Integration in Magento-Shops legen, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Umstieg ohne Anpassungen durch Entwickler möglich ist.

Falls Sie überlegen, einen bestehenden, stabilen Magento-1-Shop mit einer PWA-Lösung schrittweise zu modernisieren: Sowohl Vue Storefront als auch Deity als PWA-Anbieter für Magento haben Lösungen für Magento 1 in Planung. Da hier jedoch größere Erweiterungen der Schnittstellen notwendig sind, würde ich nicht mit einer kurzfristig einsatzfähigen Lösung rechnen.

Fazit

Magento 2 ist zu einem stabilen und fortschrittlichen, aber auch hochkomplexen System herangewachsen, das in den letzten Monaten große Fortschritte hinsichtlich Fehlerbehebung und Funktionalität gemacht hat. Für alle Shops ab einer gewissen (schwer zu beziffernden) Größe lohnt sich der Umstieg auf bzw. Einstieg in Magento 2. Um Torschlusspanik und überlastete Agenturen zu vermeiden, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Migration zu planen. Planen Sie ausreichend Zeit und Budget ein und setzen Sie auf Entwickler, die bereits Erfahrung mit Magento 2 haben, um böse Überraschungen zu vermeiden. Die Investition in höhere Qualität, z.B. durch automatisierte Tests, lohnt sich.
Für kleinere Shops ist ein Umstieg häufig nicht sinnvoll – hier lohnt ein Blick auf die Alternativen.

Andreas von Studnitz

Autor: Andreas von Studnitz

Andreas von Studnitz ist Diplom-Informatiker, Magento-Entwickler und Geschäftsführer von integer_net. Seine Schwerpunkte sind Schnittstellenentwicklung, Backendentwicklung, Beratung und Entwicklerschulungen. Seit 2011 ist er Magento Certified Developer, seit 2014 (für Magento 1) bzw. 2017 (für Magento 2) Magento Certified Solution Specialist.

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